Diese Seite nutzt JavaScript nur für Dropdown-Menüs auf Internet Explorer

Heinrich-Pette-Institut: Hepatitis B: AIDS-Medikament hilft manchmal besser
Metamenü

Hepatitis B: AIDS-Medikament hilft manchmal besser

15. Mai 2006

Das Medikament Adefovir (Handelsname Hepsera) galt bislang im Kampf gegen die Leberentzündung Hepatitis B als Waffe der Wahl. Doch nicht bei allen Patienten zeigt sie Durchschlagskraft. Wissenschaftler der Universitäten Gießen und Bonn haben zusammen mit Kollegen vom Heinrich-Pette-Institut für Experimentelle Virologie und Immunologie (HPI) in Hamburg herausgefunden, warum: Bei manchen Hepatitis B-Viren ist das Erbgut minimal verändert. Dadurch sind sie von Natur aus gegen Adefovir resistent. Als Alternative bietet sich das Medikament Tenofovir (Handelsname Tenofovir) an, das bisher hauptsächlich zur Behandlung von AIDS-Patienten eingesetzt wird: In der Studie drückte es die Konzentration der Virus-DNA im Blut auch bei den Patienten unter die Nachweisgrenze, die auf Adefovir nicht ansprachen. Die Ergebnisse erschienen im renommierten New England Journal of Medicine, Band 354, Heft 17 vom 27. April, Seiten 1807-1812.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sind weltweit rund 400 Millionen Menschen mit Hepatitis B-Virus infiziert. Die Erkrankung verläuft oft chronisch und führt in Folge sich häufig wiederholender Entzündungsschübe zu Leberzirrhose und Leberkrebs.

Bei der Behandlung von Hepatitis B Infektionen ist es wichtig, das Virus langfristig an seiner Vermehrung zu hindern. Das Medikament Lamivudin greift hier an. Es wird von der Hepatitis B eigenen "reversen Transkriptase" in dessen Erbgut eingebaut und verhindert dadurch, dass sich vollständige neue Virus-DNA bilden kann.

Gegen Lamiduvin entwickelt der Erreger jedoch häufig Resistenzen, so dass die Ärzte dann auf einen anderen Wirkstoff zurückgreifen müssen. Das Medikament Adefovir wird hier oft als Alternative eingesetzt. "Einige Hepatitis-B-Virusstämme scheinen aber von Natur aus nicht auf Adefovir anzusprechen", sagt der Bonner Virologe Dr. Oliver Schildgen. Zusammen mit der Arbeitsgruppe um Professor Dr. Wolfram Gerlich von der Universität Gießen hat der Bonner Wissenschaftler drei Patienten genauer untersucht, bei denen die Therapie mit Adefovir ohne Erfolg verlaufen war. Allen Testpersonen hatte man bereits vor Beginn der Behandlung eine Blutprobe entnommen und die Hepatitis B-Viren darin untersucht. "Bei allen drei Patienten wies die Virus-DNA an ein und demselben Punkt eine Mutation auf", fasst Professor Gerlich das Ergebnis zusammen. "Diese Veränderung im Erbgut scheint den Erreger natürlicherweise gegen Adefovir resistent zu machen." Das wurde in der Abteilung "Allgemeine Virologie" des HPI unter Leitung von Prof. Dr. Hans Will bestätigt. Dr. Hüseyin Sirma, Dr. Anneke Funk und Cynthia Olotu erhärteten dies experimentell durch Transfektionsstudien in Zellkultur.

Auch das AIDS-Virus verfügt über eine reverse Transkriptase, an die beispielsweise das AIDS-Medikament Tenofovir angreift. Da sie der reversen Transkriptase aus dem Hepatitis B-Virus ähnelt, wirkt Tenofovir auch gegen den Erreger der Leberentzündung. Bislang ist das Medikament aber nicht zur Behandlung von Hepatitis-Patienten zugelassen. Wenn Adefovir versagt, sollte Tenofovir zudem ebenfalls nicht helfen - so zumindest die Erwartung der Fachleute. Experten sprechen von einer "Kreuzresistenz". Bei den drei Patienten der Studie versuchten die behandelnden Ärzte auch auf Anraten des Bonner Infektiologen Professor Dr. Jürgen Rockstroh dennoch die Therapie mit Tenofovir. Sie funktionierte hervorragend: Bis zu 500 Millionen Kopien Hepatitis B-DNA pro Milliliter fanden die Forscher nach Ende der erfolglosen Adefovir-Therapie im Blut ihrer Probanden. Die Tenofovir-Therapie drückte diesen Wert innerhalb von ein bis zwei Jahren bis an die Nachweisschwelle von 30 Kopien pro Milliliter. "Seit einem Jahr finden wir im Blut unserer Patienten kaum noch Virus-DNA mehr", sagt Professor Gerlich. Dass das Virus komplett eliminiert wurde, hält er dennoch für unwahrscheinlich. "Wenn wir die Therapie beenden, wird sich der Erreger wahrscheinlich wieder vermehren."

Aus Sicht der Forscher zeigt die Studie, wie wichtig eine differenzierte Diagnose vor Beginn der Behandlung ist. "Hepatitis B ist nicht gleich Hepatitis B. Was gegen den einen Erregerstamm wirkt, kann gegen einen anderen völlig ohne Erfolg bleiben."

Weitere Informationen:
Dr. Hüseyin Sirma

<- Zurück zu: Presse

Ansprechpartner

Dr. rer. nat. Angela Homfeld Martinistraße 52
20251 Hamburg
Tel.: 040/48051-108


Leibniz Gemeinschaft